Einen besonders bewegenden Besuch erlebte die Stadt Mühlheim am Main Ende Mai: Angehörige von Leopold Isaak, dem letzten Vorsteher der ehemaligen jüdischen Gemeinde Mühlheims, besuchten die Stadt ihrer Vorfahren und begaben sich auf die Spuren ihrer Familiengeschichte.
Auf den Spuren Leopold Isaaks
Bürgermeister Dr. Alexander Krey und der stellvertretende Stadtverordnetenvorsteher Stephan-Harald Voigt empfingen die Gäste am Samstag, den 30. Mai, im Rathaus. Die Besuchergruppe bestand aus Nachfahren von Pauline Fleischer, geborene Isaak, einer Schwester von Leopold Isaak. Gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern des Frauenbündnisses Mühlheim, des Bündnisses „Bunt statt braun“ sowie der Interessengemeinschaft Stolpersteine unter dem Dach der Naturfreunde erkundeten die Gäste anschließend wichtige Erinnerungsorte im Stadtgebiet.
Auf dem Rundgang standen unter anderem der Stolperstein für Leopold Isaak in der Trachstraße, der Standort der ehemaligen Synagoge in der Friedrichstraße, der jüdische Friedhof sowie weitere Stationen der Mühlheimer Erinnerungskultur auf dem Programm. Am Alten Rathaus wurde zum Schluss des Rundgangs an die Männer erinnert, die die friedliche Übergabe Mühlheims an die Amerikaner am Kriegsende mit ihrem Leben bezahlten. SS-Männer erschossen sie an dieser Stelle. Barbara Leissing führte die Gruppe in englischer Sprache durch die Geschichte der jüdischen Gemeinde und erinnerte an die Schicksale der Menschen, die einst das jüdische Leben in Mühlheim prägten.

Leopold Isaak erlebte als letzter Vorsteher der jüdischen Gemeinde die zunehmende Verfolgung durch das nationalsozialistische Regime. Überliefert ist, dass er während der Pogromnacht 1938 Torarollen aus der brennenden Synagoge retten und in seinem Haus verstecken konnte. 1942 wurde er deportiert und im Vernichtungslager Treblinka ermordet. Heute erinnert ein Stolperstein in der Trachstraße an sein Leben und sein Schicksal.
Erinnerungskultur wird lebendig
Für die Stadt Mühlheim ist die Erinnerung an Leopold Isaak und die ehemalige jüdische Gemeinde weit mehr als die Bewahrung historischer Fakten. Erinnerungskultur bedeutet, den Menschen hinter den Namen sichtbar zu machen und ihre Geschichten für kommende Generationen lebendig zu halten. Die zahlreichen Stolpersteine, der Gedenkstein an der ehemaligen Synagoge sowie Bildungs- und Erinnerungsprojekte leisten hierzu einen wichtigen Beitrag.
Der Besuch der Familie Isaak verlieh dieser Erinnerungsarbeit eine besondere Tiefe. Die Begegnungen und Gespräche machten deutlich, dass Erinnerung nicht allein in Archiven und Gedenktafeln stattfindet, sondern vor allem durch den Austausch zwischen Menschen lebendig bleibt.
„Ich empfinde große Dankbarkeit dafür, dass die Nachfahren von Leopold Isaak den Weg nach Mühlheim gefunden haben“, sagt Bürgermeister Dr. Alexander Krey. „Ihr Besuch ist ein wertvolles Zeichen des Vertrauens und der Verbundenheit. Er erinnert daran, dass die Folgen von Ausgrenzung, Verfolgung und Gewalt bis in die Gegenwart reichen – und zugleich daran, wie wichtig Offenheit, Dialog und gegenseitiges Verständnis sind. Der Besuch der Familie Isaak hat eindrucksvoll gezeigt, dass Erinnerungskultur dann ihre größte Wirkung entfaltet, wenn sie Menschen zusammenführt.“
Die Stadt bedankt sich zudem bei allen Beteiligten, die den Besuch ermöglicht und begleitet haben. Ihr Engagement trägt dazu bei, die Erinnerung an die ehemalige jüdische Gemeinde Mühlheims wachzuhalten und die Verantwortung für eine demokratische und menschenwürdige Zukunft sichtbar zu machen.
